Pauschale Singverbote sind übertrieben

 

Eine neue Studie der Charité und der Technischen Universität Berlin legt Daten auf den Tisch, die Chören das Arbeiten möglich machen.

Die Lage der Chöre in Deutsch­land ist ernst. Proben und Auftrit­te können wegen der Corona-Pande­mie nur sehr einge­schränkt oder gar nicht statt­fin­den. Die Kultur­staats­mi­nis­te­rin Monika Grüt­ters empfahl Mitte dieser Woche bereits allen privat finan­zier­ten Chören, Mittel aus dem Förder­pro­gramm „Neustart Kultur“ zu bean­tra­gen, das den privat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­ten Musik­be­trieb erhal­ten soll. Beson­ders schwer erträg­lich ist die Lage in Berlin, wo der Senat ein grund­sätz­li­ches Sing­ver­bot in geschlos­se­nen Räumen erließ (F.A.Z. vom 27.​Juni), ohne zuvor Rück­spra­che mit den Rund­funk­chö­ren, den Opern­in­ten­dan­ten oder den Chor­ver­bän­den zu nehmen. Bern­hard Heß, dem Direk­tor des Rias-Kammer­cho­res, der längst wieder mit den Proben begon­nen und am 20.​Juni auch schon ein erstes Konzert gege­ben hatte, blieb nichts weiter übrig, als seinen Chor vorzei­tig in die Ferien zu schi­cken.

Kurz zuvor aber betei­lig­ten sich acht Sänge­rin­nen und Sänger des Chores an einer aufwen­di­gen Studie, die das Hermann-Riet­schel-Insti­tut (HRI) der Tech­ni­schen Univer­si­tät Berlin gemein­sam mit der Klinik für Audio­lo­gie und Phonia­trie an der Berli­ner Chari­té durch­führ­te. Die Ergeb­nis­se der von Anne Hart­mann (HRI) und Dirk Mürbe (Chari­té) gelei­te­ten Arbeits­grup­pe liegen nun als Preprint vor. Sie betref­fen einmal Unter­su­chun­gen zur „Erhö­hung der Aero­sol­bil­dung beim profes­sio­nel­len Singen“ und zum andern die „Risi­ko­be­wer­tung von Proben­räu­men für Chöre hinsicht­lich viren­be­la­de­ner Aero­so­le“. Zeit­gleich hat auch das Klini­kum der Münch­ner Ludwig-Maxi­mi­li­ans-Univer­si­tät gemein­sam mit dem Univer­si­täts­kli­ni­kum Erlan­gen und dem Chor des Baye­ri­schen Rund­funks Expe­ri­men­te unter­nom­men, die noch einmal die Aero­sol­aus­brei­tung beim Singen im Nahfeld um den Mund herum sicht­bar mach­ten.

Die Berli­ner Studie geht darüber hinaus. „Wir haben Parti­kel­quell­stär­ken gemes­sen und Berech­nun­gen zur Aufkon­zen­tra­ti­on von Parti­keln in großen Räumen vorge­nom­men“, erläu­tert der Phonia­ter Dirk Mürbe die Studie im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Sänge­rin­nen und Sänger muss­ten sich vor ein Glas­rohr setzen, in dem sich eine Proben­son­de mit einem Laser­par­ti­kel­zäh­ler befand. Gemes­sen wurde der Parti­kel­aus­stoß pro Sekun­de in vier Situa­tio­nen: Ruhe­at­mung, Lesen eines Textes, Singen einer Einzel­stim­me aus Mendels­sohns „Abschied vom Walde“, Singen eines zehn Sekun­den langen Halte­tons auf dem Vokal a.

Das Ergeb­nis besagt, dass die Parti­kel­quell­stär­ken beim Singen, je nach Schall­druck­pe­gel, knapp vier- bis knapp hundert­mal so hoch liegen wie beim Spre­chen. Singen, beson­ders das Singen von Frauen, produ­ziert in gestei­ger­tem Maße Aero­so­le, die zur Über­tra­gung von Sars-CoV-2 führen können. Das ist die schlech­te Nach­richt, doch sie war erwart­bar.

„Allein die Nach­richt, dass beim Singen mehr Aero­so­le entste­hen, macht ja depres­siv. Deshalb ist es sinn­voll, die Quell­stär­ken­un­ter­su­chung zu verknüp­fen mit den unter­be­lich­te­ten Aspek­ten wie Raum­grö­ße und Belüf­tung“, sagt Mürbe, der selbst auch ausge­bil­de­ter Sänger ist. Auf Basis erst­mals verläss­li­cher Zahlen ließen sich nun auch belast­ba­re Risi­ko­ma­nage­ment­kon­zep­te entwer­fen. „Ich sehe die Ergeb­nis­se unse­rer Studie also nicht als schlech­te Nach­richt für die Chöre, sondern als Grund­la­ge, um aus dem Zustand von Pauschal­ver­bo­ten heraus­zu­kom­men. Es müssen indi­vi­du­el­le Konzep­te entwi­ckelt werden nach den Para­me­tern Sing­dau­er, Raum­grö­ße, Menschen­an­zahl, Belüf­tung.“

Das HRI hat aufgrund der Quell­stär­ken­mes­sun­gen Hoch­rech­nun­gen für die Aero­sol­kon­zen­tra­ti­on in verschie­de­nen Raum­grö­ßen mit unter­schied­li­cher Perso­nen­an­zahl und Lüftungs­sys­te­men erstellt. Dabei wurden ein Chor­pro­ben­raum mit Fens­ter­lüf­tung, ein Büro mit maschi­nel­ler und eines mit Fens­ter­lüf­tung sowie zwei maschi­nell belüf­te­te Konzert­sä­le mitein­an­der vergli­chen: der des Konzert­hau­ses Berlin als klas­si­scher „Schuh­kar­ton“ und die Wein­berg­ar­chi­tek­tur der Dresd­ner Phil­har­mo­nie. Die Berech­nungs­kur­ven für diese Konzert­sä­le fielen bei vier­zig bis fünf­zig Sängern und drei­hun­dert­fünf­zig bis knapp fünf­hun­dert Besu­chern derart güns­tig aus, dass man sagen kann: Mit maschi­nel­ler Belüf­tung lässt sich die Aero­sol­kon­zen­tra­ti­on in den Räumen so gut in den Griff krie­gen, dass Konzer­te durch­führ­bar wären.

Ein Problem ist die Fens­ter­lüf­tung, wie Dirk Mürbe erläu­tert: „Den Effekt der Fens­ter­lüf­tung kann man als Laie ganz schwer einschät­zen, weil er abhän­gig ist von vielen Para­me­tern, unter ande­rem der Diffe­renz zwischen Außen- und Innen­tem­pe­ra­tur. Sie kann bei hohen Gradi­en­ten sehr effek­tiv, sie kann aber auch völlig inef­fek­tiv sein. Wenn es also möglich ist, sollte man in einem Raum mit Lüftungs­tech­nik singen.“

Zusam­men­fas­send lässt sich sagen: Empfoh­len werden große Räume, wenig Sänger, maschi­nel­le Lüftung und Pausen nach jeweils drei­ßig Minu­ten. Die Studie der LMU München empfiehlt für die Sänger Seiten­ab­stän­de von andert­halb, in Sing­rich­tung von zwei­ein­halb Metern. Dirk Mürbe von der Chari­té sagt dazu: „Wir müssen unter­schei­den zwischen der Aero­sol­ver­tei­lung in großen Räumen und dem Nahfeld. Die Vertei­lung in Räumen war bislang nicht unter­sucht worden. Im Nahfeld, wo es auch um Infek­ti­on durch Tröpf­chen­über­tra­gung geht, gehen verschie­de­ne Exper­ten­mei­nun­gen von einem fron­ta­len Regel­ab­stand von etwa zwei bis zwei­ein­halb Metern aus. Auch meine Empfeh­lung wäre, dass dem Sicher­heits­be­dürf­nis vor Tröpf­chen im Nahfeld mit diesem Abstand gut gedient ist.“

Bern­hard Heß vom Rias-Kammer­chor hilft die Studie in der Argu­men­ta­ti­on gegen das totale Sing­ver­bot. Er sucht bereits nach einem Lüftungs­kon­zept beim Proben, damit der Chor wieder arbei­ten kann. Klaus Lede­rer, Berlins Kultur­se­na­tor, hat für den 21. Juli die Direk­to­ren der Rund­funk­chö­re sowie Vertre­ter der Chor­ver­bän­de und der Kirchen zu sich einge­la­den. Dann wird hoffent­lich ein Gespräch statt­fin­den, bei dem Empi­rie über Hyste­rie siegt.

Jan Brach­mann
FAZ-Feuilleton
Freitag, 10.07.2020